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Munzinger

Viele ÖBs in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein bieten ihren LeserInnen Zugriff auf das Munzinger-Archiv. Auf Nachfragen bestätigten diverse KollegInnen, dass die Nutzung eher gering ist. Warum das so sein könnte, habe ich mal auf G+ (weil ich dort mal die Bilderfunktion und das Posten ausprobieren wollte) demonstriert.

Munzinger war lange Jahre DAS Auskunftsmittel für JournalistInnen und BibliothekarInnen (seit 1913), für verschiedene Anwendungsfälle kann es auch heute noch das Mittel der Wahl sein, wie Stephan Guelck in den Kommentaren anmerkt.

 

Autor: Edlef Stabenau

Ich bin Bibliothekar

17 Kommentare

  1. Da ich nicht bei Google+ bin und die Diskussion seit langem hier öffentlich stattfindet, wechsel ich nicht den Ort und kommentiere hier 😉

    Munzinger wertet die „total sessions“, „total searches“ und „full-text Article“ pro Monat für die jeweiligen Angebote – z.B. Brockhaus, Chronik, Kindler, Land, Personen und Pop – aus und gibt dazu die jeweilige Gesamtsumme aus. Diese Zahlen werden darüber hinaus getrennt nach Zugriff aus der Bibliothek und von zu Hause des Kunden aus ausgewiesen.

    Anwender des eOPCS von IBTC brauchen die MAB-Daten nicht zu importieren, sondern lediglich die Munzinger-ID in der Konfiguration eintragen, damit diese zusammen mit dem eigenen Bibliotheksbestand angezeigt werden.

    Es wäre sicherlich für die Diskussion hilfreich, wenn Rohdaten allgemein verfügbar und Grundlage für die Diskussion sein könnten. Die Nutzung in den 27 Büchereien des Munzinger-Verbundes verläuft nach dem mir vorliegenden Datenmaterial aus Schleswig-Holstein von 2011 sehr unterschiedlich. Die Nutzung liegt zwischen „0“ und „2001“ Zugriffen auf den Volltext-Artikel pro Bücherei, bei insgesamt 17412 Zugriffen im Verbund. Was nun allerdings eine „gute“ Nutzung ist, muss wohl noch definiert werden und auch, wieviel diese kosten darf. Ob ein statistisch relevanter Zusammenhang mit der Sichtbarkeit der Metadaten im Katalog besteht, ist m.W. noch nicht belegt.

    • Hallo Klaus-Jürgen,
      danke für diese – wie immer interessanten – Informationen zu den Zugriffsdaten! G+ habe ich nur genutzt, um das Handling mit den Bildern auszuprobieren. Bei G+ kann man im Gegensatz zu Facebook wenigsten die eigenen Einträge noch editieren…

    • Ergänzung:
      Bei einer Bücherei mit ca. 16000 Einwohnern (ca. 4500 aktive Benutzer, 40000 Medien, 260000 Ausleihen) wurden von ihr bzw. ihren Kunden 191 Volltextartikel abgerufen; d.h. hochgerechnet auf 3 Jahre Verbundteilnahme ergeben sich ca. 6,20 Euro pro Artikel. (Alle Preisangaben ohne Gewähr 😉

      • brutto oder netto? 😉

      • Die Bandbreite ist tatsächlich groß. Bei anderen Bibliotheken kommt man auf weniger als 1/5 dieses Wertes.

        • Dort kostet dann die Nutzung eines Artikels 30 €? Da braucht man dann nicht mehr nach brutto oder netto fragen …

          • Was kostet wohl die Nutzung eines Chemiebuches oder eines Physikbuches in einer öffentlichen Bibliothek? Da braucht man nach Bibliotheken gar nicht mehr zu fragen. Von den Stückkosten ungenutzter Publikationen in WBs oder Archiven ganz zu schweigen. Anteilige Lager- und Personalkosten bitte nicht vergessen. Glücklicherweise ist die isolierte Betrachtung von MINT-Medien nicht Teil der Definitionsmenge. Puh, Glück gehabt, es lebe die Ganzheitlichkeit.

            „Krebs vorbeugen mit Apfelessig“ rechnet sich hingegen, ich schwör’s. Je nach Marketingzyklus wahlweise Krebs vorbeugen mit Teebaumöl, Orangenkernen, Weihrauch, Edelsteinen, TCM, TDM oder – noch billiger – mit positiven Emotionen. Das beste an der Informationsgesellschaft ist ihr Preis.

          • Jetzt muss ich mich doch mal zu Wort melden. Alleine von den Kunden der StB Köln sind in den ersten drei Monaten 2012 insgesamt 3581 Volltextartikel aus Munzinger und Brockhaus abgerufen worden. In vielen anderen Städten sind die Zugriffe – in Relation zur Stadtgröße – ähnlich hoch oder sogar noch höher. Würde gerne mal wissen wieviele Nationallizenzen da mithalten können…
            Wenn manche Kolleginnen und Kollegen die geringe Nutzung beklagen: Vielleicht erwarten deren Kunden keine digitalen Inhalte und werden auch nicht genügend auf deren Vorhandensein aufmerksam gemacht (z.B. durch Suchschlitz auf der Website)?

          • Leider ist die Zahl aus Köln nicht geeignet, um daraus irgendeine Information zu ziehen – außer, dass es mehr Seitenaufrufe sind als in der Kommune in S-H…
            Das gelingt auch dann nicht, wenn man sich die Mühe macht, die von Köln nicht gelieferten Daten aus der DBS zu ziehen, denn dort macht Köln seit Jahren keine Angaben zu den Entleihungen insgesamt: http://www.bibliotheksstatistik.de/eingabe/dynrep/adrbrowser/adrbrowser.php?inr=AJ380
            Selbst wenn man diese Zahl auch noch hätte, wäre der Preis des Einzelaufrufes nicht zu ermitteln, dann man kennt ja den Preis nicht, den Köln für das Angebot bezahlt.

            Der Vergleich Munzinger und Nationallizenzen ist – nun ja… Dabei bin ich bereit zuzugeben, dass die einzigen Nationallizenzen, die ich nutze, die Entscheidungen des Reichsgerichts sind. Dieses Angebot ist – im Gegensatz zu Munzinger – „alternativlos“. Für andere Fakultäten kann ich es nicht beurteilen.

          • Ich hatte aus Versehen nur die externen Aufrufe („remote“) angegeben, allein im ersten Quartal 2012 waren es zusammen mit den Aufrufen vor Ort („on campus“) sogar 6766.

          • Auch die erhöhte Zahl ermöglicht keinen Vergleich, wenn es an den entscheidenden Vergleichszahlen fehlt.

  2. Auch ich bin nicht bei Google+ und möchte gerne hier beitragen. Seit 1,5 Wochen haben wir Munzinger in Salzgitter zugleich im Katalog – Ausnahme ist die Filmdatenbank, da weitere 30.000 Datensätze gerade die Film Suchenden eher gestört hätten.
    Wenn die erste Auswertung da ist, wird man den Unterschied zwischen Biographien (ca. 27.000 Sätze im Opac) und Film (nicht im Opac) hier vielleicht mal differenziert betrachten können. Wer nicht warten will, Solingen hat ähnlich verfahren und sollte Zahlen zwischen Nutzung in Datenbank und Nutzung über Opac an diesem Beispiel nachweisen können.

    Mir liegen zudem die Daten aus NRW vor. An bekannten Beispielen kann ich sehen, das Bibliotheken nur durch Vermittlung ohne Opac Daten manchmal eine höhere Treffermenge haben als Bibliotheken mit Daten im Katalog. Es ist und bleibt also eine Frage der Vermittlung.

    In Kürze kann auch Niedersachsen erste Daten liefern, die 2 Verbünde sind offiziell im Mai 2012 gestartet – jedoch ohne große Landesförderung.

    Ein schönes Beispiel wäre nicht Lady Gaga, sondern z.B. Herr Westerwelle gewesen – ich war in den letzten Wochen in der Beratung sehr froh, Munzinger zu haben. Die entsprechende Vermittlung in Schulen und Co. wird sicher für Transparenz sorgen. Onleihe im Katalog oder Extra hätte die gleichen Ergebnisse.

    Munzinger ist ein Anfang elektronische Informationen in ÖB zu vermitteln. Vor Ort habe ich schon weitere Möglichkeiten und Ziele im Kopf. Wenn wir diese Informationen nicht im Opac anbieten, wo dann?

  3. Ich greife hier einmal die Kritik auf, Lady Gaga sei auch kein gutes Beispiel für die Suche in den Munzinger qualitätsgeprüften Datenbeständen.

    Ich stelle mir einen Schüler vor, der sich mit der Pflichtlektüre Der Vorleser von Schlink konfrontiert sieht. Da das Thema „Alte Nazis im Nachkriegsdeutschland“ insgesamt eine Rolle in seiner Interpretationsaufgabe spielt, muss er sich noch gleich mit „Der Fall Collini“ auseinandersetzen. Der neue Bestseller von Schirachs hat ja immerhin die Frau Minister bewogen, eine Untersuchungskommission ins Leben zu rufen, die sich mit Eduard Dreher und Konsorten und ihrem unsäglichen Wirken befassen soll ( http://tinyurl.com/co94hsg ) Eduard Dreher wird in Schirachs Werk ausdrücklich erwähnt, bei Schlink eher verdeckt.

    Das Ergebnis einer Munzinger Suche nach Eduard Dreher ist sogar noch schlechter als Edlefs Erfahrung mit Lady Gaga. Sie führt zu keinem Ergebnis. Die Bedeutung Drehers für die Entwicklung des Rechtsstaates nach 1945 steht (nicht nur bei Juristen) außer Frage.
    Aber bei einer so eingeschränkten Auswahl – 27.000 Biographien im internationalen Archiv – war ein Treffer selbstverständlich eher unwahrscheinlich. Wikipedia enthält allein in der Kategorie „Mann“ mehr als 372.000 Artikel.

    @biblioreader Was ist an dem Munzinger-Artikel über Westerwelle so hilfreich?

  4. Was ist dran an dem im Google+-Teil dieser Diskussion lancierten Gerücht, das Munzinger Archiv verschweige die NS-Vergangenheit so mancher Nachkriegspersönlichkeit? Ich habe versucht, mir ein Bild zu machen, und konnte, wenn auch erst nach längeren Recherchen und diversen Stichproben, zumindest vier Beispiele ermitteln, die den Verdacht zunächst grundsätzlich erhärten: In den Munzinger-Artikeln über Agnes Miegel (Schriftstellerin, 1879-1964), Thea von Harbou (Schriftstellerin, 1888-1954), Willy Sachs (Unternehmer, 1896-1958) und Karl-Maria Hettlage (Finanzpolitiker und Rechtswissenschaftler, 1902-1995) findet sich kein Wort über deren Verstrickungen mit dem Dritten Reich bzw. deren Sympathien für die nationalsozialistische Ideologie. Meine anderen Stichproben fielen hingegen durchweg zugunsten des Munzinger-Archivs aus – weder bleibt die Nähe des jungen Ingvar Kamprad (IKEA-Gründer, geb. 1926) zur NS-Ideologie unerwähnt noch der Eintritt des 16-jährigen Erhard Eppler in die NSDAP, um nur zwei vielleicht vergleichsweise harmlose Beispiele zu nennen.

    Warum aber verfährt Munzinger mit brauner Vergangenheit so uneinheitlich, kehrt sie bei einigen Personen scheinbar unter den Teppich, um sie bei anderen wieder offen zu auf den Tisch zu legen? Bei näherer Betrachtung der Beispiele drängt sich mir eine einfache Erklärung auf: In sehr vielen Fällen kam die NS-Vergangenheit einer Person erst nach deren Tod ans Licht und fand ein entsprechendes Medienecho. Die Munzinger-Biographien verstorbener Personen werden jedoch, von Ausnahmen abgesehen, nicht mehr aktualisiert (wer noch Erfahrungen mit der Loseblattausgabe sammeln durfte, erinnert sich an die hellblauen Blätter, die nach dem Tod einer Person die weißen ersetzten). Wegen dieser Bearbeitungspraxis fand also eine braune Vergangenheit gewöhnlich nur dann Eingang in einen Artikel, wenn sie noch zu Lebzeiten der behandelten Person aufgedeckt wurde.

    Zumindest meine Stichproben decken sich mit dieser Theorie und sprechen also gegen einen Verdacht, dass Munzinger, etwa um Persönlichkeiten zu schonen, mit Absicht dunkle Flecken in deren Biographie unterschlagen hat. Gleichwohl gibt es sie im Munzinger-Archiv, die fehlenden Angaben zu NS-Karrieren oder NS-Sympathien. Umso wichtiger sind deshalb die beiden Nachschlagewerke von Ernst Klee, das „Das Personenlexikon zum Dritten Reich : wer war was vor und nach 1945“ (3. Aufl., 2011) und „Das Kulturlexikon zum Dritten Reich : wer war was vor und nach 1945“ (Vollst. überarb. Ausg., 2009, beide als Fischer-Taschenbuch).

  5. Wie, die Daten werden nur solange aktualisiert, wie jemand lebt? Liegt das daran, dass Munzinger einen völlig anderen Zweck hat als ein Nachschlagewerk? Quasi in der journalistischen Tradition, die Bedeutung der Person endet mit dem Nachruf? Und das sind dann gekaufte (!) Qualitätsdaten, die man Schulen anbietet? Das wäre kühn.

    Ich habe eben den Eintrag „Josef Neckermann“ überprüft. Die braunen Flecke, die der Herrenreiter der Nation auf seiner weißen Nachkriegsturnierweste ausgebildet hat, sind nicht zu finden. Es gibt hier viele veröffentlichte Belege, in der Presse, in Gerichtsakten, in der Biographie von Herrn Neckermann. Das unsägliche Prozeßverhalten im Rahmen des Entschädigungsverfahrens Joel ./. Neckermann (Ende der 50er Jahre) fehlt gänzlich – und ich vermisse auch den Hinweis, dass es sich bei der betrogenen Familie um den Großvater von Billy Joel handelt, aber das liegt sicher an meiner „Frau mit Herz“ Tratschlust-Mentalität?

    Nun denn, wahrscheinlich kann ich es einfach nicht beurteilen, schließlich bin ich ja kein Lotse (bzw. nach neuerer Interpretation „Navigator“ http://www.youtube.com/watch?v=EpgmEUi40Ec ) im „Wissensdschungel“ – btw ich empfinde das Wissen der Welt auch nicht als Dschungel…?

  6. Nein, das Wissen der Welt ist kein Dschungel. Im Zeitalter von Google und Wikipedia gleicht es eher einer Monokultur.

  7. Als Monokultur konnte man es schon immer sehen, die meisten Menschen handhaben es wohl auch so, oder? Sie lesen eine Tageszeitung, sehen/hören eine bestimmte Nachrichtensendung, habe eingeschliffene Wege. Bibliotheken und die Fixierung auf Munzinger gehören m.E. in dieses Raster.

    Das Wissen der Welt ist dort, wo man es sucht. Und wenn man möchte sogar bei Google auf Seite 3 der Trefferliste.