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Weiterarbeiten auch im Ruhestand

Eine Schulbibliothekarin in Jever kümmert sich weiterhin um die historischen Bestände ihrer Schulbibliothek. Sie sitzt wie in der Zeit davor fast täglich an ihrem Werktisch im Keller des Mariengymnasiums und pflegt den historischen Bestand, der ca. 11.000 Bände umfasst. [via Nordwestdeutsche Zeitung]

8 Kommentare

  1. Eigentlich traurig wenn man nichts anderes als die Arbeit hat. Auch wenn sie schön ist.

    • Tja, wenn man keinen Nachfolger hat, will man vielleicht auch deshalb nicht aufhören, damit die Arbeit von Jahren/Jahrzehnten nicht verloren ist. Kann ja auch sein. Aber ich gebe Ihnen Recht. Mit 66 Jahren möchte ich meine Zeit möglichst auch anders verbringen als mit Büchern im Keller… Aber wenn ich so alt bin, gibt es wahrscheinlich sowieso keine Rente mehr und wir arbeiten alle bis 90…

  2. Ich habe mein Abitur an einer Schule in Niedersachsen mit einem nicht minder wertvollen und erhaltenswertem Altbestand an Bücher gemacht:
    http://fabian.sub.uni-goettingen.de/?Domgymnasium_%28Verden%29
    Insofern sehe ich das grundsätzlich positiv. Man kann froh sein, wenn sich jemand um solche Bestände kümmert. Hochstehend professionelles bibliothekarisch-fachliches Personal, sprich Hochschulabschluss Bibliothekswesen, dürfte eher selten für solche Einrichtungen vorhanden und schon gar nicht bezahlbar sein (keine Ahnung, welche Ausbildung jene Schulbibliothekarin absolviert hat), aber ich sehe zwei wichtige Aspekte:
    a) eine Person fällt nach Ihrer Pensionierung, oftmals heisst das ja von Voll auf Null hinunter, nicht in ein Loch. Inzwischen werden ja auch im Öffentlichen Dienst Kurse dafür angeboten „Pensionierung – wie damit umgehen“ oder so. Sofern diese Person ihr Pensum einer für sie passenden Work-Life-Balance anpasst, ist das prima und soetwas ist eigentlich jedem zu wünschen.
    Mein erster Chef im Alphabetischen Katalog in Bern ist damals in den Vorruhestand gegangen und kümmert sich seither um diverse Projekte oder ist Dozent an den Ausbildungsstätten. Wieviel er sich an Engamenents aufladen mag, bleibt ihm überlassen: http://www.pierregavin.ch. Find ich Super!
    b) es kümmert sich jemand um diese Bestände. Sie lagern nicht einfach nur in einem, hoffentlich den konservatorischen Ansprüchen genügendem, Raum, sondern es schaut da auch mal jemand regelmässig nach dem Rechten und kümmert sich um die gröbsten Schäden.
    Immerhin scheint dieser Bestand in Jever doch ein schöner kleiner Schatz zu sein:
    http://fabian.sub.uni-goettingen.de/?Bibliothek_Des_Mariengymnasiums

  3. Die historischen Buchsammlungen der Traditionsgymnasien sind durchweg untrennbar mit der Geschichte der Anstalten, gelegentlich auch mit der der Region, verknüpft, was sie – als Abbild einer Bildungsgeschichte – auch jenseits eventueller Prachtstücke zu einem einmaligen und unschätzbaren Kulturgut macht. Sie haben in der Regel aufgrund ihrer unterschiedlichen Sammlungshistorien einen jeweils ganz eigenen, individuellen Sammlungscharakter – lauter Wolfenbüttels en miniature – und haben ebenso eigene Traditionen der Pflege und Verwaltung dieser Bestände entwickelt. Der wissenschaftliche Bibliothekar, der sich ihnen widmen will, müsste diese Bindung an eine jahrhundertealte Institution mit eigener Geschichte berücksichtigen, die er aus seinem „klassischen“ Berufsfeld in dieser Form ebensowenig kennen kann wie die besondere Verpflichtung an einem Gymnasium, junge Leute an diese Bestände heranzuführen (die beim Anblick einer Inkunabel mit originalem Ketteneinband die Dekoration von Harry Potter assoziieren und fragen, was sowas bei Ebay bringt…:-) Zudem ist dieses wertvolle Kulturgut noch lange nicht bei den zuständigen „Verwaltungsbesitzern“ auf der Rechnung und erfordert vom Bibliothekar mitunter auch das Talent des Tanzbären mit Promotion…

    • Liebe(r) FeliNo,

      > Der wissenschaftliche Bibliothekar, der sich ihnen widmen will,
      > müsste diese Bindung an eine jahrhundertealte Institution mit
      > eigener Geschichte berücksichtigen, die er aus seinem “klassischen”
      > Berufsfeld in dieser Form ebensowenig kennen kann wie die
      > besondere Verpflichtung an einem Gymnasium, junge Leute an
      > diese Bestände heranzuführen

      Ich glaube, ich weiss genau, was Sie meinen: Auch ich hatte zu meiner eigenen Schulzeit im Domgymnasium Verden eine andere Beziehung zu jenem dort vorhandenen Schatz, als jetzt, mit doch ein wenig Erfahrung im Bereich der Historischen Bestände.
      Als Absolvent jener Instititution verfüge ich über eine ganz andere (innere) Beziehung zu „meiner“ Schule Domgymnasium Verden und ihrer Geschichte („Gegründet vor 1002“ – wie man sich selbst gerne definiert, wobei es da ja auch die Traditionslinie aus der Reformation heraus gibt!), als eine von aussen dort hinzustossende Person.
      Allenfalls in der gymnasialen Oberstufe – die mit der Verkürzung um ein Jahr aber auch leider weniger zeitlichen Spielraum dafür lässt – könnte man mit den Schülern in einer solchen Institution etwas machen. Am Domgymnasium Verden gab es immer eine hohe Anzahl diverser Arbeitsgemeinschaften (ich selbst habe gerudert, in der Big Band Gitarre gespielt und bei der Marionetten-AG mitgemacht – es gab aber auch eine Mathematik-AG, an der tatsächlich Schüler freiwillig mitgemacht haben!). So wäre, eine Person mit den entsprechenden Voraussetzungen und in Co-Moderation mit einem Geschichtslehrer, vielleicht für Oberstufenschüler mit hohem Geschichtsinteresse auf dieser Basis der Arbeitsgemeinschaften etwas möglich (gewesen – vor der Umwandlung von 13 auf 12 Jahren bis zum Abitur), geschichtliche Einzelthemen anhand von bestimmten Werken aus dem Altbestand zu behandeln und dadurch auch nebenbei den jungen Menschen etwas über den Umgang mit und die Materialien selbst beizubringen.

      • Nachtrag: Inzwischen scheint es einen Lehrer am Domgymnasium Verden zu geben, der im Rahmen einer AG etwas mit der historischen Bibliothek macht:
        http://www.domgymnasium-verden.de/buch/geschichte-1351.html
        Wenn auch die Zielgruppe eine deutlich jüngere ist, als ich vorhin angedacht habe!

        • Lieber Bernd Martin Rohde,

          ein weites Feld…:-), das zu betreten Sie neben Ihrem Fachwissen gewiss hinreichend Empathie mitbringen, nur liegt Ihre Pensionszeit ja noch weit vor Ihnen (aber schon mal anfangen, schadet nie!:-) Was Ihr „altes“ Gymnasium zustande bringt, birgt das nach meiner Erfahrung schwierigste Wegstück: den Gewinn der Lehrerkollegen. Nach 20 Jahren konsequenter Nichteinstellung von gymnasialen Lehrkräften haben die vergangenen Jahre eine völlig neu ausgerichtete junge Lehrerschaft an die höheren Anstalten gespült, der – auch an den Traditionshäusern – die Historie der eigenen Fächer nicht selten fremd ist – sie wird nicht an den Unis gelehrt. Selbst erstklassige historische Lehrerbibliotheken müssen gelegentlich um die Gunst der Lehrkräfte werben; das Gespür für Schätze indes finden Sie bei jungen Schülern gelegentlich unerwartet – als Indiana Jones mit runder Lesebrille in Borges‘ Labyrinth…:-)

          • > Was Ihr “altes” Gymnasium zustande bringt, birgt das nach
            > meiner Erfahrung schwierigste Wegstück: den Gewinn der
            > Lehrerkollegen.
            Da könnte ich und würde gerne einiges dazu schreiben, das würde aber doch vom ursprünglichen Thema noch weiter wegführen. Wenn, dann via E-Mail.