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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Die Renaissance des Wortes „Leihbücherei“

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts verschwanden die kommerziellen Konkurrenten der Öffentlichen Bibliotheken. Jetzt feiern sie – elektronisch – fröhliche Urständ‘! Allerdings ist es nicht mehr der kleine Laden um die Ecke, der Ableger einer Buchhandlung. Das Magazin Buchreport bietet einen Überblick über die verschiedenen Anbieter, zu denen Verlage, Online-Buchgroßhändler und gar die Wirtschaftstochter des Börsenvereins gehören.

 

5 Kommentare

  1. Was mir noch einfällt: Dürrenmatts „Grieche sucht Griechin“ (1955 erschienen, immer noch lesenswert) bietet ein Ende und ein Ende für Leihbüchereien …

  2. Hierbei muss man aber darauf hinweisen (und ich klaue das einfach mal von Stefan Gradmann, der mich einst darauf hinwies), dass die Aussage, die Leihbüchereien seien ausgestorben (gewesen) nur dann stimmt, wenn man über Bücher nachdenkt. Bei anderen Medien stimmte das nicht. Videotheken und Ludotheken (viele davon) sind kommerziell organisiert, ohne dass daran die Bibliotheken wirklich gelitten hätten. (Allerdings: Videos/DVDs und Spiele konnte die Bibliothek immer kaufen, Verlage hingegen können die E-Books für Bibliotheken einfach einstellen. Das scheint mir die neue Qualität zu sein.)

  3. Die Namensgebung scheint mir bedacht. Zu uns kommen fast täglich Personen, die Bücher oder Briefpapier kaufen möchten. Das liegt bei uns an den klassischen Ladenschaufenstern. Wenn ich dann sage, wir seien eine Bibliothek, kann ich das Missverständnis oft nicht klären. Bei „Leihbücherei“ fällt der Groschen sofort. Wer weiß schon, was eine Bibliothek ist – außer Eugene u. Co.?

    Karsten Schuldt hat recht: Hier werden gerade die technischen und rechtlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das Wissen erstmals in der Geschichte nicht mehr durch Bibliotheken im Sinne eines Eigentumsrechts vergemeinschaftet werden kann. Irgendwo – kann die Quelle leider nicht finden – las ich den Bericht einer Jurastudentin in Athen. Sie sagte, sie müsse zwangsläufig im Ausland studieren, weil mit dem Wegfall der Lizenzen aus Spargründen in der Krise ihre Fachbibliothek gewissermaßen ausgeknipst worden sei. Im ÖB-Bereich: Bei der Onleihe oder bei Munzinger erwirbt man ja auch keine Zugriffsrechte auf „Altbestände“. Dann rollt man bei einer „Sparmaßnahme“ nicht langsam den Berg herunter sondern fällt ungebremst in die Schlucht.

    Auf der Bibliotheka 1996 in Dortmung wies der Vertreter eines Kleinverlags darauf hin, dass Tony Blair auf dem Gewerkschaftstag der britischen Stahlarbeiter vorgerechnet habe, dass der Anteil der Popindustrie an der britischen Handelsbilanz viel höher sei als der Anteil der Stahlindustrie. Deswegen seien bei der Beratung der Urheberrechts-Vereinheitlichung in der EU die Anwälte der Spice-Girls diejenigen gewesen, die ihre Entwürfe durchgesetzt hätten.
    Daher brauchen wir über „informationslogistische Rollen“ der Bibliotheken nicht zu plaudern, die interessieren kaum jemanden. Entscheidend ist die funktionslogische Rolle der Bibliotheken für die Monetarisierungsstrategie der Verlage. So sind die Bibliotheken von drei Seiten unter Beschuss: Digitalisierung, Urheberrecht, Schuldentransfer zulasten der Träger. KNIPS! Wer schreibt den Brief?

  4. Außerdem hat „Leihbücherei“ mehr noch als Bibliothek (Videothek) das Kostnix-Aroma. Billig-billig: nicht zu unterschätzen im Käufermarkt.

  5. Danke für die Kommentare. Ja, stimmt, die „Leihbücherei“ wandert entsprechend der gerade am leichtesten zu verbreitenden Medienform. Insofern könnte man auch die verschiedenen Streamingdienste als „Leihbücherei“ identifizieren, die auch hier den Rundfunk- und Fernsehanstalten anfangen, den Rang abzulaufen. – In der Tat, die „informationslogistische Rolle“ wandert je nach Möglichkeit von Technik und Infrastruktur und Distribuieren und Verwerten ist gerade im Fluss, wie ja auch die parallel in inetbib stattfindende Diskussion zeigt.
    Die Frage ist ja, wenn wir den Finger-in-die-Wunde-legenden-Kommentator outroupistache ernst nehmen wollen, welche Rolle Buchhandlungen und Bibliotheken überhaupt noch einnehmen werden/können/sollen, wenn die Vertriebswege anders geworden sind und wenn die Nutzer mit Streamingdiensten und eBook-Plattformen ganz zufrieden sind? Recherchedienste, nahe am Kunden? Kompetenzentwicklung der Nutzerinnen und Nutzer? Bibliothek als Begegnungs- und Lernort? Bedarfsanstalt für Sozial Schwache? Nostalgischer Ort für unbelehrbare Bücherleser/innen?