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Ein Fossil

mit diesen Worten wurde die Lektorin Schöne Literatur der Bücherhallen von ihrer Chefin in den Ruhestand verabschiedet. Heute las ich im Abendblatt: Erika Werner ist tot.

Eine paläontologische Grabung in eigenen Gedächtnisschichten: Da ist der belgische Autor Lanoye, er liest aus Pappschachteln – die Entscheidung, ob man sich zuerst die Lachtränen abwischt oder in einen dark room huscht, um sein wunderbares Lehrbuch der Onanie sogleich anzuwenden, fällt schwer. (Das Buch – Erscheinungsdatum 1993 ist nicht mehr im HÖB Bestand.) Da ist einer der grandiosesten lateinamerikanischen Schriftsteller, Cabrera Infante, der einen Mann (in den er wohl nicht unbegründet einen Regimevertreter vermutete)  erregt anweist, sofort die Kamera abzustellen. Sein Kollege aus Peru ist nur Gegenstand eines Vortrags – die gesamte parteikommunistische lateinamerikanische Community Hamburgs ist anwesend, um der endgültigen Entlarvung als Fürstenknecht und Bannerträger des Imperialismus zu lauschen. Weniger gut besucht ist ein Vortrag von Kühn-Ludewig. Sie stellt den Pohl vor. Was immer man von den üblen Charakterlumpen von Akribie halten mag: ihr Buch bleibt. (Nicht bei HÖB, schon lange wurde das Geschenk der Autorin dem Bestand entnommen.) Da ist Yoko Tawada. Nach der Lesung ihres (schon des ersten?) Buchs ging man nach Hause in dem Bewusstsein, einem großen Ereignis beigewohnt zu haben. Das vermittelte Erika Werner: die selbstverständliche Vielfalt menschlicher Ausdrucksformen, Lebensweisen, Sprachen. Hat es das einmal bei den Bücherhallen gegeben? Wann war das? Wann?

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