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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Über die sinkende Reichweite von „social media“


So sah das 2 Stunden nach dem Posten des Beitrages auf Facebook aus. Heute sind es 66, die ihn gesehen hatten – ein Viertel aller jener, die die netbib-Facebook-Seite „geliket“ hatten. Bei den beiden anderen Facebook-Seiten, die ich administriere, sieht es ähnlich aus: im Schnitt wird ein Fünftel derer erreicht, die die Seite abonniert haben. Was bedeutet das? (Vielleicht sollte ich noch vorausschcken, dass ich Facebook als „Echo“-Kanal verwende, also Nachrichten, die sowieso im Blog oder auf der Homepage veröffentlicht werden, auf Facebook wiederhole).

  • der Nutzen von Facebook als Nachrichtenkanal vermindert sich drastisch
  • im gleichen Maße ist der Aufwand, den man dafür betreibt, kritisch zu bewerten
  • Facebook wird immer als Ersatz für/das bessere RSS bezeichnet. Diese Funktion kann man getrost vergessen
  • generell sinkt der Nutzen, den man aus sozialen Netzwerken ziehen kann
  • es wird hier wieder die Abhängigkeit von der Geschäftspolitik von Providern sichtbar
  • „klassische“ Aushängeschilder wie Homepage oder Weblogs sind weiterhin nicht obsolet

Schlussendlich heißt das nichts anderes, als dass wie bisher die Anforderung besteht, beweglich zu bleiben und Möglichkeiten der Automatisierung zu nutzen. Beispielsweise von einem Weblog au Inhalte automatisch in Facebook, Twitter und eventuell anderen Kanälen zu veröffentlichen, um Aufwand zu minimieren. Aber soviel kann gesagt werden: Strategien, die nur auf einen Kanal abzielen („wir konzentrieren uns auf Facebook“), muss man vor dem Hintergrund solcher Drosselungen durch Provider zunehmend kritisch bewerten.

15 Kommentare

  1. Wird da nicht ein bißchen viel in einen Topf geworfen, was so nicht unbedingt zusammen passt ?
    Soziale Netzwerke wie Facebook sind doch in erster Linie Kommunikationsmittel. Sieht man sie vorrangig als „Nachrichtenkanal“ und nutzt sie auch entsprechend, muss das Ergebnis wohl ernüchternd ausfallen.
    Facebook und RSS sind u.E. nicht vergleichbar. Facebook kann allenfalls EINEN RSS-Strang darstellen, nicht weniger, aber auch nicht mehr.
    Die plakative Aussage, wonach der Nutzen, der sich aus Sozialen Netzwerken ziehen lässt, ist so schon im Ansatz nicht richtig. Jeder definiert den „Nutzen“ anders. Jeder „Nutzen“ hängt entscheidend von der Qualität des Engagements ab. Soziale Netzwerke sind eben keine Litfasssäule, sondern leben vom Input der Anwender. Die Erwartung, Soziale Netzwerke nur „füttern“ und dann auf den (wie auch immer definierten) Erfolg warten zu müssen, basiert schlicht und einfach auf falschen Erwartungen.
    Dass Provider Geld verdienen wollen, ist bekannt und legitim. Es gibt aber zahlreiche Mittel und Wege, die Sozialen Medien jenseits dieser Absichten erfolgreich einzusetzen … also auch kein Argument.
    Homepages und Blogs waren noch nie obsolet. Im Gegenteil: Nach unserem Eindruck bilden sie seit jeher die Basis und das Zentrum jedweden Social Media Engagements. Auch insoweit stellt sich also die Frage „Homepage/Blog ODER Social Media“ noch nicht einmal ansatzweise.

  2. Reichweitenkalkulation? Da erinnere ich gerne noch einmal an meine unbeantwortete Frage an die Informationskompetenten:

    „Wenn 6% der Deutschen Twitter nutzen und 20% die Bibliothek, wie hoch ist die kombinierte Wahrscheinlichkeit, über Twitter einen Bibliotheksnutzer … zur Inanspruchnahme von Produkten und Dienstleistungen anzuregen, wenn der Impact dieser Wahrscheinlichkeit bei 1 Promille liegt? Zusatzfrage für Verwaltungskompetente: Wie hoch dürfen die Personalkosten für’s Verwaltungstwittern sein, damit der Herzschrittmacher des Kämmerers keinen Infarkt kriegt?“

    Ist folgende Rechnung falsch?
    Die kombinierte Wahrscheinlichkeit, dass ein Bibliotheksnutzer einen Twittereintrag der Bibliothek liest, ist bei den oben gegebenen Zahlen nach dem Multiplikationssatz 0,2*0,06 = 0,012 = 1,2%. Wenn der Impact 1 Promille ist, dann braucht eine Bibliothek 100.000 Nutzer, damit wenigstens 1 Nutzer auf das Getwitter reagiert. Nun kennenn wir den Impact nicht, ich hatte ihn im Zusammenhang mit Briefmail-Aktionen von Supermärkten einmal gehört (ohne Beleg). Aber unsere Marketingexperten kennen ihn auch nicht. Meines Wissens gibt es keine wirklich belastbaren Daten. Es gibt nur die üblichen Zahlenbombardements, mit denen sich alles Mögliche suggerieren lässt – z. B. in Stellenbeschreibungen.

    Wenn ich Rechnungshofleiter wäre, würde ich mir über Social-Media-Tropfen schon Sorgen machen …

  3. Erstmal Danke für die Reaktionen!

    @socialmediaDACH Prima, alles wegdiskutiert. 😉 Vielleicht aber genauer im Einzelnen:
    „in erster Linie Kommunikationsmittel“ – genau, ich kommuniziere meine Inhalte, die ich anderswo generiere. Die Stärke von Web 2.0 war immer die Anpassbarkeit an Bedürfnisse und Zwecke. Rückmeldungen bekomme ich übrigens – beispielsweise auf dem Flur meines Institutes. Warum ich jetzt plötzlich wie ein Marketing-Idiot einen auf Kommunikation-auf-Facebook machen soll, damit möglichst viel geliket und kommentiert wird, um meine Reichweite künstlich zu steigern, die vorher künstlich vermindet wurde (und exakt da trat dann auch erstmals der „Boost Post“-Button auf, durch den ich bezahlt Reichweite kaufen kann/soll), das erschließt sich mir nicht.
    „Facebook und RSS nicht vergleichbar“ – habe ich auch schon immer gesagt, mir wird dies aber an der Uni ständig entgegen gehalten, dass Facebook „das neue RSS“ und RSS-Reader etwas für Nerds seien
    „falsche Erwartungen“ – was soll daran falsch sein, dass der Dienst das tut, was er jahrelang tat und wofür er ursprünglich konzipiert war: Informationen zuzustellen? Warum soll ich mich verbiegen, weil die Firma ihre Geschäftspolitik ändert? Und was hier auch zu bedenken ist: Was, wenn sie das weiterhin ändert? Wenn ich immer mehr und mehr Katzenvideos, lustigen Content etc. generieren muss, damit irgend etwas bei denen, die meine INhalte abonniert haben, durchkommt?
    „zahlreiche Mittel“ – jaja, immer profimäßig agieren… Demnächst machen wir nichts anderes mehr. Wenn Suchmaschinenoptimierung (SEO) noch wenigstens etwas Sinn zu haben schien, dies hier scheint mir doch sehr in Richtung „Hund, der hinter der Wurst herrennt“ zu gehen.
    „Home/Blog ODER social media“ – hier sind wir einer Meinung. Und als Blogger habe ich Facebook noch nie als Alternative gesehen, diesen ach so süßen Honigtopf, der gerade zum „Ich habe noch so ein lustiges Bildchen gepostet“-Sumpf verkommt.
    Meine Meinung.

    @outroupistache
    Bei solchen Berechnungen wird mir immer ganz schwurbelig, sorry! Zwei Gesichtspunkte die mir beim Lesen Ihres Kommentars durch den Kopf gehen:
    – die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit meinen Inhalten Leute erreiche, ist bei Twitter im Unterschied zu Facebook (noch) gegeben:
    * zum einen sehe ich, wie viele den Account folgen und somit die Inhalte auf der Timeline angezeigt bekommen (aber nicht, wer es gelesen hat!). Ich kenne viele der Leute, die dem Account „folgen“, es findet hier also eine Steigerung der Relevanz statt
    * Twitter bietet im Unterschied zu Facebook auch eine frei zugängliche Suche. Die Chance, dass jemand mit „Grenzach-Wyhlen“ auch die Veranstaltungen meiner Gemeindebibliothek bekommt (weil beispielsweise jemand darüber getwittert hat) erzeugt vielleicht einen höheren Impact als angegeben.
    * die Meßbarkeit ist schon das Dilemma, denn was ist „Reaktion“? Hier hat @socialmediaDACH Recht, dass der Nutzen unterschiedlich definiert werden kann: Ist der Nutzen, dass jemand rezipiert oder ist der Nutzen erst dann gegeben, wenn jemand reagiert, beispielsweise durch Besuch einer Veranstaltung oder Meinungsäußerung?
    Den Rechnungshofleiter würde ich damit besänftigen wollen, dass ich darauf hinweise, dass ich die Inhalte automatisch weiter transportiere („Litfasssäulenfunktion“). Aber ich mache ja nur Schmalspursocialmedia … 😉

  4. Es gibt eine Geste, die hat eine Bedeutung. Vielleicht hat sie zwei Bedeutungen. Es gibt zunehmend mehr Kanäle, mit denen diese eine Geste dargestellt und mit denen ihre Bedeutung interpretiert werden kann. Sie kann angereichert, parodiert, verändert und millionenfach kopiert werden in Text, Video, Foto und Ton. Es bleibt aber nur die eine Geste. Ihre Darstellung und Interpretation kann mit der Zunahme der Formate und Publikationsmöglichkeiten inflationiert werden. Die Geste und ihre Bedeutung selbst kann nicht in demselben Maße inflationiert werden, zumindest nicht, ohne sich abzunutzen. Das ist die unterschiedliche Wachstumsdynamik von Bedeutung und „Content“. Außerdem hat das Sujet mit dem stärksten Aufmerksamkeitspotential den höchsten Reproduktionsfaktor. Am Ende wird aus der starken Kraftbrühe für wenige ein ganz dünnes Süppchen für alle. Der Katzencontent ist um so unvermeidlicher, je erfolgreicher ein Kanal ist. Die Folgen kann man auch an Bibliotheksstatistiken ablesen, wenn man einmal ins Detail geht.

    Der Bibliothekar merkt, dass sich seine Publikationsmöglichkeiten verdoppeln, verdreifachen usw. und denkt „Hey, hier geht was“.
    Tut es aber nicht, denn die anderen merken es auch. Und während sich die Publikationsmöglichkeit der Bibliothek verdreifacht, verdreihundertfachen sich die Möglichkeiten aller anderen. Reichweitenverlust ist unter diesen Bedingungen unvermeidlich. Dann wird aufgerüstet: Automatisiertes Kopieren – und über Bedeutungsverlust klagen…

    Mir scheint Social Media für institutionelles Publizieren nur im Zusammenhang mit spezifischen Aggregatoren sinvoll zu sein – wenn überhaupt. Innerbibliothekarisch wäre Plan3t.info ein Beispiel.

    Ein schönes Konfusionsbeispiel zum Ende der Aufbruchstimmung liefert übrigens gerade der Spiegel: Was denn Qualitätsjournalismus sei, habe ein Journalist (!) gefragt. Und dann:

    „Ob allerdings die sozialen Onlinemedien bei der Vermittlung von Forschung helfen können, bleibt unklar. Sie wurden nicht untersucht.

    Dem Autor auf Twitter folgen: „

    Vielleicht sollte man Karsten Schuldt fragen. Unbewiesene aber oft behauptete Wirkungszusammenhänge in Bibliotheken sind ja sein Sujet.

  5. Hier gibt es die Anleitung, wie man sich einen Twitter Bot zusammenbauen kann.

  6. @outroupistache Eine sehr schöne Beschreibung, wie mit dem Hype die Notwendigkeit, mehr und unwichtiges zu posten, steigt, um in der Menge der Nachrichten überhaupt noch einen impact zu erzielen. Für eine kleine Bibliothek gilt dieser Effekt natürlich noch mehr, denn mit knappen Ressourcen kann man nicht einfach beliebig mehr und mehr zubuttern.
    Auch die Idee mit Aggregatoren ist gut, hier denke ich natürlich sofort an die netvibes-Aggregatoren beispielsweise der Gender-Bibliothek oder auch der public library in Dublin, die so etwas umsetzen.
    Gleichwohl denke ich, dass auch kleine Bibliotheken beim impact in der Hinsicht etwas machen können, indem sie ihr spezifisches Klientel ansprechen. Bzw. wenn das nicht ausreicht, das Klientel ihrer Trägerorganisation ansprechen. Bei mir ist das relativ konkret, wer die Zielgruppe ist: Studierende, Alumni, Dozenten und ein paar Sympathisanten. Rund 1.200 Personen, gut. Und vielleicht erklärt sich hier mein Unwille aus dem obigen Beitrag: Früher konnte ich diejenigen aus meiner Zielgruppe, die auf Facebook gern ihre Neuigkeiten zur Kenntnis nehmen, relativ direkt erreichten, jetzt dreht das „soziale Netzwerk“ an Stellschrauben, so dass ich nur noch einen Bruchteil davon erreiche. Es liegt nicht an meiner Konzeption, es liegt an geänderten Rahmenbedingungen. Das war der Punkt, um den es mir ging. – Es ist mir schon klar, dass ich durch Hervorlocken von Likes und durch Erbitten von Kommentierungen die Reichweite erhöhen kann. Habe ich aber die Zeit, ständig die Trommel zu rühren? Ich zumindest nicht.

    • Wirksamkeits-Esoterik ist ja nicht nur auf Social Media beschränkt. Auch „Programmarbeit“, „Pressearbeit“ oder Standortanalyse (70er), Gemeinwesenanalyse (80er) und (Sinus-)Milieu-Analyse (aktuell) ließen sich als Beispiele anführen, wie man die Wirkungs-Schnittstellen vom außen und innen der Bibliothek mit richtigen Erkenntnissen falsch beschreibt. Dass man mit Social Media „auch etwas machen“ kann, ist ein Allgemeinplatz. Das grundsätzliche Problem des Multioptionalismus ist aber die Frage: Wenn ich etwas tue – was tue ich stattdessen NICHT, das für meine Zwecke besser geeignet wäre? Schließlich hat der Tag nur 36 Stunden. Bei Social-Media ist dieser Konflikt graduell stärker aber nicht grundsätzlich anders. Eine wissenschaftliche Bibliothek wird diese Frage anders beantworten als eine öffentliche Bibliothek und eine Großstadtbibliothek anders als eine Dorfbücherei. Schaut man sich den Output unserer externen Berater an – es lebe die Außensicht! – dann erkennt man, dass die vorzugsweise bei ihren eigenen Master-Templates abschreiben. Es kann opportun sein, da mitzumachen. Es scheint mir aber icht sinnvoll, daran selbst zu glauben. Das Irritierende an den Gläubigen ist, dass auch Bibliotheken spätestens seit Ende der Neunziger Jahre über umfassendes Datenmaterial N=100% verfügen. Publiziert werden sie aber nur als aggregierte Daten. Immer dann, wenn es konkret wird, gilt das Geschäftsgeheimnis.

      Die Frage nach dem konkreten Impact ist übrigens nicht kleinkrämerisch. KGT hatte 500.000 Unterstützer auf Facebook. Bei den Unterstützer-Demos war dann kaum jemand und genutzt hat es ihm auch nichts obwohl er sich über Reichweite nicht beklagen konnte.

      Würde ich in diesem Zusammenhang gerne mal lesen (keine Zeit;-):
      http://d-nb.info/1038667259

  7. Schönes Beispiel, was daraus folgt, wenn der Kopf schneller wächst als der Schwanz. E-Books und Umsatzkonzentration

    Mein N=100% sagt mir, dass das nicht nur für E-Books gilt.

    Und wir haben ein neues Fachwort gelernt: Schwanz-Titel. Analog dazu müsste es in der Bibliothekswissenschaft jetzt die Schwanztitel-Kalkulation geben.

  8. Bei der digitalen zu beziehenden Ware stellt sich ja schon die Frage nach dem Kauf selbst. Wie groß ist denn noch der Anteil der gekauften Ware an der Gesamtmenge der genutzen Ware. Also wieviele CDs oder Schallplatten kaufe ich mir im Vergleich zur Gesamtmenge an gehörter Musik. Was ist mit Youtube, Spotify und nicht zu vergessen den Tauschbörsen? Werbewert, Marktwert, Livekonzerte – aus diesem Mix zu errechnen wer welchen Anteil am Markt hat – ist bestimmt spannend für Menschen mit Lust an Mathematik und esoterisch anmutender Wahrscheinlichkeitsbestimmung. Wo beginnt denn z.B. so ein Buchmarkt und wo endet er? Haben die Schwanz-Titel, ein kaum ernstzunehmendes Fachwort :), schon bei der Berechnung ihres Marktanteils ein Aufmerksamkeitsdefizit? Was ist mit der immer größer werdenden Zahl an in einem eigenen Label arbeitenden Musikschaffenden, die ihre Produkte fast ausschließlich übers Netz vertreiben?

    Kleine Abschlußklugscheißerei: wer es in seiner lokalen Umgebung nicht schafft ein Netzwerk zu errichten, der wird auch im digitalen Raum scheitern – zumindest so lange Kulturausschusssitzungen und Haushaltsberatungen kein Google Hangout sind 🙂