netbib weblog

Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Der letzte Mohikaner verschwindet: Keine Jugend-Klassiker mehr!

Lederstrumpf, Winnetou und sein Bruder Scharlih, Emil, Gustav mit der Hupe („Dann wollen wir mal etwas auf den Akzelerator drücken!“), Kiki der Papagei, Pipi und ihr politisch unkorrekter Vater, der geheimnisvolle Taucher „M“ beim Leuchtturm auf den Hummerklippen, die Mumins mitsamt dem Mumrik, den Hemulen, den Filifjonkas … – raus, raus, raus. Der antiquierten Sprache und der veralteten Rechtschreibung wegen. [via Merkur-online] Und so ziehen sie fort, weit weg, gen Schloss Blutenburg und werden dort nur noch forschend rezipiert. Pshaw!

8 Kommentare

  1. Durchschnittliche Satzlänge von Johanna Spyris „Heidi“: 17 Wörter.

    Durchschnittliche Satzlänge von Peter Häftlings „Alter John“: 10 Wörter.

    Tod in Venedig: 21 Wörter

    Germanist Engelen nachgezählt – Langeweile?

    Kürzlich Bewerbung von Akademiker – kein Satz -wozu? Bildungsbürger Post-Jesus, Mittelalter, Internet rockt!

  2. Wenns halt nunmal keinen mehr interessiert? Hanni und Nanni… nun, die Mädels heutztage haben glaube ich andere Themen und Probleme als die Mädels in den 60ern. Und in den 60ern haben sich die Mädels glaube ich auch nicht für Mädchenthemen von 1830 interessiert.
    Zeiten ändern sich, damit auch die Bücher und die Klassiker.

    • Es ändern sich nicht nur die Themen und Motive. Es ändert sich der Charakter des Produkts insgesamt. Deswegen ist die Alternative „Internet“ oder „Buch“ teilweise irreführend. Auch Bücher unterliegen dem „Akerloff-Prozess“: Qualität senken um den Umsatz zu erhöhen. Die Idee, mit niedrigschwelligen Angeboten die Kunden „dort abzuholen, wo sie stehen“ ist ein Artefakt. Man geht dorthin, wo der Kunde steht und dort bleibt man bei ihm stehen. Wenn Sie bei Bibliothekaren eine Pickelattacke auslösen möchten, dann werfen Sie doch mal in heiterer Runde das Verb „hinauflesen“ in die Diskussion. Ein Deutschlehrer hat mir gegenüber behauptet, dass bei gewissen Markenprodukten mit „stark limitierten Thesauri“ gearbeitet werde, d. h. es finde im Produktionsprozess eine Wortschatzkontrolle statt, die den Wortschatz künstlich niedrig halte, damit niemand überfordert wird. Kundenorientierung at it’s best und supi auch für bibliothekarische Kennzahlen und Qualitätsoffensiven. Als es internetbibliothek.de noch gab, habe ich die Informationsexperten mal nach diesen angeblichen Negativ-Thesauri gefragt, allerdings hat niemand etwas darüber herausgefunden. Vielleicht gibt es diese Thesauri ja gar nicht. Vielleicht ist es nur eine infame Lüge exkludierter und antiquierter Bildungsbürger, die der irren Idee nachtrauern, zwischen der Komplexität der Sprache und der Tiefe des Denkens gäbe es einen Zusammmenhang.
      Kleinerer Wortschatz, kürzere Sätze, Relativsätze, Konzessivsätze und Appositionen ein No Go. Ist das, was pädagogisch für Leseanfänger sinnvoll ist, ein auf Leseanfänger begrenztes Phänomen?

      Die Wahrheit ist: Wir vermarkten uns als Medienexperten und wir wissen es nicht. Evaluiert wird alles mögliche. Das aber nicht.

  3. Aber sind es die Bibliotheken, die Qualität senken, oder die Verlage?
    Selbst wenn Biblotheken sich gegen solche Trends stellen und „qualitativ hochwertige“ Bücher mit komplizierten Sätzen behalten: wenn die dann keiner liest, weil es halt einfach keinen interessiert?
    Vor allem kleinere Bibliotheken müssen am Puls der Zeit bleiben (was mach auch selbst von diesem Puls halten mag), damit ihnen nicht die Leute davon laufen. Archive für wertvolle Jugendkultur aus vergangenen Jahrhunderten können sie nicht sein, das können andere übernehmen.

  4. Zustimmung. Ich wollte auch nicht behaupten, Bibliotheken oder Verlage könnten sich „gegen die Zeit“ stellen. Ich wollte nur auf die Verluste hinweisen. Die werden gerne von sich modern darstellenden Eindrucksmanagern geleugnet oder mit einem Achselzucken als irrelevant dargestellt. Ich bin auch nicht gegen niedrigschwellige „Produkte“ – ganz im Gegenteil. Aber, wie Jochen Dudecks Entgegnung auf seine Kritiker es (leider nur) andeutet, verändert sich mit der Qualität auch die Kostenstruktur in Bibliotheken, da es sich bei den „Beständen“ dank Bestandskalkulation um rückgekoppelte Systeme handelt. Da KÖNNTE man auch die Frage nach bibliothekarischen Verstärkereffekten stellen. Wenn man das nicht will, könnte man die Frage nach den sich verändernden Grenzkosten und dem sich verändernden Grenznutzen stellen. Da kommen ja ganz andere Sachen auf uns zu als der Untergang der literarischer Beschaulichkeit.

    Mein persönliches Menetekel sind die Öffentlichen Rundfunkanstalten. Die sind sehr zeitgeistig und nachfrageorientiert und haben DESHALB eine Legitimationsdebatte am Hals. Die privaten Fernsehsender haben Margenprobleme aber keine Legitimationsprobleme. Und wenn Kunde ist, wer bezahlt, dann muss man feststellen dass unsere Kunden nicht unsere Kunden sind.

    Seltsamerweise werden solche strategischen und betriebswirtschaftlichen Fragen nur von verstaubten grauen Bibliothekaren mit Dutt gestellt. Alle anderen zucken mit den Achseln: Iss‘ halt so und WIR sind modern und Handyspiele und Makerspace hauen uns raus – ein neues Kerngeschäft, ätsch!

    Ich bezweifle das…

  5. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Debatte um den „Kulturinfarkt“, die vor einigen Jahren tobte.
    Laut der dort vertretenden Thesen sollten Kultureinrichtungen ja „marktgerecht produzieren“.

  6. Interessant finde ich, dass mich niemand gemaßregelt hat, dass ja ein Teil dieser Literatur im Netz verfügbar ist (man gebe in eine Suchmaschine seiner Wahl „gutenberg“ „cooper“ oder „may“ ein und dann ein Titelwort ganz nach Belieben) und dass es somit verfügbar ist und man es gut in den Katalog als Webdokument einbinden könnte. Gut, für Kästner und Lindgren gilt das nicht, warten wir es ab … 😉