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Ben Kaden ist verblüfft

LIBREAS. Library Ideas – Im Intellektuellen liegt der Hund begraben. Meint Tom Becker in der Inetbib. Eine Verblüffung.

Autor: Edlef Stabenau

Ich bin Bibliothekar

3 Kommentare

  1. Vier Seiten Schachtelsätze mit einem 20%igen Anteil von Fachbegriffen im Wortfeld Deakquisition und drei Seiten Quellenangaben wären natürlich standesgemäßer gewesen. Und unangreifbarer, denn wer hätte schon Zeit und Lust, das alles zu überprüfen? Stattdessen einfach nur ein kurzer Anfall von Aufrichtigkeit: Weg damit. Karneval hin, Hoppeditz her, wir brauchen keine Masken mehr. Man hätte schon vor Jahren einmmal nachfragen können, aber die Irritation entzündet sich an der Form. Inhalte haben keinen Brennwert, sie sind bürgerlich und spießig.

    Kundenorientierung im Angriff und Mission Statement in der Verteidigung. Achtung, Achtung, hier redet die Akademie: Auf „Challenge accepted“ folgt zwangsläufig„mission accomplished.“. Der Professor gehört klar zur Abteilung Attacke und für seine Aufrichtigkeit müssten wir ihm eigentlich dankbar sein. Die Zeiten, in denen sich Wissenschaft durch Distanz zu ihrem Betrachtungsgegenstand nobilitieren musste, sind vorbei und differenzierte Betrachtungsweisen führen ein esoterisches Nischendasein jenseits von Deutschland-sucht-die-Superbibliothek. Unser Code ist binär: Hop oder top, 0 oder 1, oben im Ranking oder unten, über dem Durchschnitt oder unter dem Durchschnitt,

    Wo bleibt eigentlich das Ranking für die bibliothekarischen Ausbildungsstätten? Das vermisse ich wirklich. Die nächste Schuldenkrise kommt bestimmt und man sollte vorbereitet sein: Hop oder top? Professoren, stellen Sie sich der ausgleichenden Gerechtigkeit!

    Und noch eine Frage stellt sich mir: Welcher Tunnelblick ist individuell am nützlichsten? Ach, ich vergaß: Opportunisten sind immer nur die anderen.

  2. hihi, dieser kommentar ist ein schöner beleg dafür, dass man keine vier seiten schachtelsätze schreiben muss, um unverständlich und nicht nachvollziehbar zu sein. verständlichkeit, anyone?

  3. Nun gut, extra für Sie, ein neuer Versuch. Tltr?

    Pushige Sprache ist kein Monopol von Spin-Professoren, sondern sie ist, wie mein Link auf „Challenge accepted“ beim ibi zeigt, im bibliothekarischen Sprachgebrauch durchaus gebräuchlich. Sie ist nicht, wie Ben Kaden vermutet, ein Ausrutscher, quasi dem Affektformat Mailingliste geschuldet. Während die Theorie noch zwischen Erkenntnismethode und Herrschaftstechnik unterscheidet, sind solche Finessen für Professor Becker anscheinend nur noch ein Anlass für Verachtung. Es wäre interessant herauszufinden, wie sich im Laufe der vergangenen Jahre durch Orientierung an Kennzahlen die Anteile am Steuerkuchen („Bibliotheksbudgets“) auf bestimmte Lieferanten konzentriert haben. Horizontale und vertikale Integration der Geschäftsmodelle, das sind die Triebkräfte nicht nur unseres Metiers. Wie bei Amazon, so auch auch bei Bibliotheken. So erleben wir durch Kennzahlentuning, Outputmaximierung und Budgetfesselung eine schleichende Privatisierung von Ressourcen, die der parlamentarischen Entscheidung nicht bedarf, weil der externe Steuerungs-Push Budget-Entscheidungen erzwingt. Gewichtung, Auswahl, Definitionsrahmen? Fehlanzeige. Stattdessen Treiber und Getriebenen im Existenzkampf. Der wird auch auf die Überschußproduzenten von bibliothekarischem „Fachpersonal“ zukommen, und man kann davon ausgehen, dass die Institute sich proaktiv positionieren. Becker findet offensichtlich den Gedanken gaga, dass „Kundenorientierung“ zu Legitimierungsproblemen führen könnte, den es zählt ja nur der Kundenwille, dessen reinster Ausdruck die Ausleihzahlen sind. Um diese Sichtweise durchzusetzen, benötigt es die Außensteuerung durch jenen Tunnelblick des Entweder-Oder. Nun kann ich mich mit der „akademischen Variante“ offensichtlich ebensowenig anfreunden wie mit der pushigen Spin-Doktor-Variante. Hier prallen Interessen und Ideologien aufeinander: Bedarfspaternalismus und Marktliberalismus. Die interessierte Falschbeschreibung von Ist-Zuständen im Gewand belastbarer Kennzahlen plakatiert Selbstlosigkeit in Begriffen wie „Kundenorientierung“ oder „Diskurs“. Dabei geht es doch nur um Anteile und Territorien. Nun entscheiden aber nicht BIB-Funktionäre über das Wohl und Wehe der Bibliothek, sondern politisch gewichtende Mandatsträger, die nicht nur eine reduzierte „Kundengruppe“ im Blick haben müssen. Die bibliothekarische Ausgangsposition ist seit Veröffentlichung des Artikels „Ran an die Fleischtöpfe“ die Auffassung, Geld sei da wie Sch… – Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass allein die Staatsgarantien für die Hypo Real Estate gereicht hätten, um alle öffentlichen Bibliotheken 1000 Jahre lang zu subventionieren. Ein Kennzahlenirrtum? Eine Pseudorealität mit Katastrophenpotential – auch für Bibliotheken? Warum möchten Bibliotheken schuldenfinanziert existieren, wenn der Schwerpunkt ihrer Aktivitäten in der Fremdfinanzierung von Analstöpselschmonzetten besteht? Langer Rede kurzer Sinn: Ich finde Legitimierungsfragen durchaus nicht gaga, sondern bin davon überzeugt, dass sie in absehbarer Zeit ins Zentrum bibliothekarischer Betrachtung rücken werden. Bis dahin müssen wir uns mit dem Anstarren von Selbstlosigkeitsplakaten unterschiedlicher Herkunft und Methodik und dem einen oder anderen Shitstorm die Zeit vertreiben.