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#baybt16 Präsentation „Bibliothek und digitale Postliteralität“

Ein Kommentar

  1. Dieser Vortrag, den ich nun nicht gehört habe – ich kann also nur versuchen ihn an Hand der Präsentation nachzuvollziehen – scheint mir ein Beispiel für die Ersetzung von Argumentation durch bildgestützte Suggestion. Suggeriert wird wohl eine Transformation / Ablösung der „Gutenberg-Galaxis“ (G-G) durch eine „Turing-Galaxis“ (T-G), die uns als Bibliotheken vor neue Herausforderungen stellt, modellhafte dargestellt an der „digitalen Bibliothek von Babel“.
    Hier hätte ich doch Einwände. Ich gehe mal davon aus, dass wir uns einig sind, dass z.B. Zeitschriftenaufsätze als Beispiel für das wissenschaftliche Tagesgeschäft zur G-G gehören, denn digital ist hier erst einmal nur die Manifestation des Werkes. Habe ich den Aufsatz als pdf auf meinem Rechner, dann ist er Teil meiner „Infosphäre“, also all dessen worauf ich elektronisch Zugriff habe (und das ist ja mitnichten „alles“). Er steht also neben anderem, was ich beim „Fischen im NETZ gefangen“ habe.
    Zwei wesentliche Sachverhalte sind nun in den Folien zur G-G deutlich „unterbelichtet“. Die G-G stellt durch „Institutionen“ sicher, dass nicht alle über alles alles Mögliche im Wissenschaftsbetrieb publizieren können. Die „Hohlwelttheorie“ kann man vielleicht dem Kopp-Verlag verkaufen, aber nicht „nature“. Diese Beschränkung ist einer ihrer wesentlichen Funktionen und gesellschaftlich sowie ökonomisch enorm hilfreich. Es ist überhaupt nicht zu erkennen, dass gerade im akademischen Bereich diese Selektivität zur Debatte steht. Zum anderen ist es keine ganz triviale Frage, ob es nicht Sachverhalte gibt, die sich nur optimal oder überhaupt in einem „Buch“ (als erprobtes Format der Wissensorganisation) darstellen lassen. Es gäbe also gar keinen Grund, hier auf „multimediale Bedeutungsflächen“ auszuweichen.
    Wie funktioniert und wer organisiert Selektivität nun in der T-G? Ich kann ja wohl nicht „alles“ sichten. Muss ich hier einem Dienstleister (Google, Facebook…)vertrauen, der mich mit persönlich zugeschnittenen Infohäppchen versorgt? Und ich stehe wieder vor dem Problem, dass ich all das Material irgendwie „organisieren“ muss – und dabei gehen ja bekanntlich viele Leute unter, wenn ihnen nicht „Institutionen“ unter die Arme greifen (Lehrende z.B.).
    Wenn ich zu guter letzt von „Vergänglichkeit und Veränderlichkeit von Texten“ lese, muss ich an Orwell denken. Ich halte die Gefahr, dann wir in staatlich kontrolierte „Infosphären“ eingeschlossen werden könnten wie in der VR China für nicht gering. Auch Bücher kann man natürlich verbrennen.