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Der kurioese Bibliotheksbote worinnen zu finden sind allerley newe Zeitungen

Freihand ade!

Die Universität Zürich möchte ihre Fachbiblitoheken zusammenziehen (hier im Tages-Anzeiger oder auch hier in der NZZ und hier in der Süddeutschen behandelt) und 2025 oder später sollen von jetzt 80 Bibliotheken nur noch 20 übrig bleiben und der Rest dann in einem Magazin einer neu zu bauenden Großbibliothek verschwinden. Nett sind ja mal wieder die Metaphern, mit denen gearbeitet wird: eine „Revolution“ soll sich hier vollziehen, das Vorgehen sei alternativlos, sonst wäre man auf der Seite der Verlierer. Geht es vielleicht auch mal, das in kleinerer Münze zu verhandeln? Klar besteht der Bedarf nach zusätzlichem Lernraum. Aber man zahlt auch dafür, sowohl die Süddeutsche als auch ein Beitrag in ze.tt thematisieren das mit dem Wort des „Stöberns“: Sind die Bestände einmal magaziniert, stolpert niemand mehr bei der Durchsicht der Regale und Systematikgruppen über ähnlich gelagerte Literatur. Vorbei die Serendipity, das Entdecken von Ähnlichem, Gleichgelagerten! Auch Recommender-Systeme sind da leider nicht so leistungsfähig. – Nun, wahrscheinlich läßt sich dies ohne Weiteres durch einen Blick in die Ausleihstatistik widerlegen: Bibliotheksbestände werden immer weniger genutzt, was sich in den Zahlen ablesen läßt. Also kann man sie ohne weiteres im Magazin verschwinden lassen. Zehn Jahre später fährt der Bestand an die Wand, dann kann man wieder die Ausleihstatistik bemühen und einen Gutteil des Bestandes als obsolet entsorgen. Von der Serendipity über das Verschließen hin zum ausgesonderten Bestand. Ich erinnere mich gerade nicht, wer die These aufgestellt hatte, dass mit solchen magazinierten Beständen die Thekenbibliothek fröhliche Urständ‘ feiere. Vielleicht war es Konrad Heyde. Jedenfalls hat das Argument einiges für sich. Vielleicht sollte man das nicht „Revolution“ nennen, sondern „Theken-Revolution“? 😉

Ein Kommentar

  1. Ich habe die verlinkten Artikel überflogen, da mich das Projekt neugierig macht; sie enthalten aber nicht genug Informationen, um zu urteilen. Wir haben in Detmold die Theologische Bibliothek der Lippischen Landeskirche in die LLB integriert und dabei ebenfalls ziemlich viel von Freihand auf Magazin umstellen müssen. Vorher standen rund 100 Jahre in der Freihand, jetzt nur noch die letzten 15. Das ließ sich angesichts unserer räumlichen Gegebenheiten nicht vermeiden. Allerdings zeigt sich, dass die in der Freihand nun gleichsam konzentrierten Bestände auch konzentrierter genutzt werden als vorher. Das Stöbern in den präsentierten Beständen führt eben auf vor allem aktuelle Literatur, und umgekehrt standen vorher zigtausend Bände in der Freihand, die nie ausgeliehen worden sind und die das analoge Äquivalent des Ballastes sind, den eine unspezifische Suchanfrage an Treffern bringt. Es hängt also mE davon ab, ob die neue Bibliothek AUCH hinreichend Freihandbestand hinstellt. Dass kann durchaus stimulierend wirken und dürfte in vielen Fällen dem Bestand guttun. (Von der Bestandspflege durch Ausscheiden von Dubletten etc. ganz zu schweigen.)